Andorra - Max Frisch

Die Kernzelle von Andorra findet sich in Max Frischs Tagebuch als Eintragung des Jahres 1946. Andorra ist der Name für ein Modell: Es zeigt den Prozess einer Bewusstseinsveränderung, abgehandelt an der Figur des jungen Andri, den die Umwelt so lange zum Anderssein zwingt, bis er es als sein Schicksal annimmt. Dieses Schicksal heißt in Max Frischs Stück "Judsein".

Der Schweizer Epiker und Dramatiker bildet mit seinem Theaterstück Andorra das Ende seiner Tätigkeit im "engagierten Theater". Dabei bezieht er sich nicht nur auf die Frage nach der Identität und dass man sich kein Bildnis von anderen machen soll, sondern thematisiert auch den Antisemitismus zusammen mit den ganzen Vorurteilen. Andorra wurde zusammen mit Biedermann und die Bandstifter zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Bühnenstoffe des Schweizer Schriftstellers.
Andererseits hat das Stück zu weltweiten Missverständnissen geführt. In Amerika galt Max Frischs Werk beispielsweise als Misserfolg. Die Amerikaner bevorzugten Theaterstücke, die problemlos ablaufen. Sie haben auch eine gewisse Skepsis gegenüber "Lehrstücken" aufgebaut, vor allem da sie sich für eine vorurtseilsfreie Gesellschaft gehalten haben. Im Großen und Ganzen wurde Andorra jedoch als Erfolg anerkannt und europaweit aufgeführt.


Vorausdeutungen im 1.Bild

  • S.7: Weißeln der Wände
    Die Bewohner wollen sich den Anschein einer weißen Weste geben, sie wollen ihre Fehler und die Wahrheit verstecken.
  • S.9: Platzregen,...
    Die Wahrheit kommt ans Licht und die Fehler kommen zum Vorschein (Farbe verschwindet durch den Regen)
  • S.10: "Sie werden uns überfallen, die Schwarzen da drüben,..."
    Das Gerücht des Pfarrers wird Realität. Er deutet daraufhin, dass es eine Bedrohung von außen geben wird.
  • S.12: "Wenn einmal die Schwarzen kommen,..."
    Andri schwebt in großer Gefahr, da er Jude ist. Sein Tod wird somit angedeutet.
  • S.13-14: "Woher kommt dieser Pfahl?"
    Der Lehrer erkennt eine Gefahr, er weiß, dass man Andri an den Pfahl bringen wird. Die Andorraner wollen dies jedoch offensichtlich nicht einsehen und verleugnen alles.
  • S.15: "Sie werden sich wundern, wenn ich die Wahrheit sage,..."
    Früher oder später werden die Andorraner ihre eigene Schuld einsehen müssen. Sie können sich nicht ewig verstecken. Can selbst stellt sich später als schuldig heraus.
  • S.16-17: "Ich glaub, es hängt ein Gewitter in der Luft, ein schweres Gewitter, dem Land tät's gut."
    Das Gewitter hat eine reinige Funktion. Die Wahrheit wird also ans Licht kommen.

Die Bewohner Andorras

Beschreibungen einiger Andorraner:

  • Barblin: neunzehnjähriges Mädchen, verlobt, Tochter des Lehrers, besorgt, Schwester von Andri, liebt Andri
  • Soldat: arrogant, eingebildet, ist hinter Barblin her, macht vulgäre und anzügliche Bemerkungen, findet den Pater lächerlich
  • Pater: fromm, redet sich mehrmals heraus, möchte alles schön reden
  • Jemand: man erfährt kaum etwas über ihn, redet nur über das Wetter
  • Lehrer: heißt Can, trinkt zu viel, Vater von Barblin und Andris Adoptivvater, hällt nichts von der Beziehung zwischen Andri und Barblin, kümmert sich um eine Lehrstelle für Andri
  • Tischler: heißt Prader, geizig, geldgierig, verlangt einen Wucher, ist von Anfang an von Andris Versagen überzeugt

Beziehungen zwischen den Bewohnern:
Andri <----------Konkurrenten-----------> Soldat
Andri <----------Liebespaar---------------> Barblin
Andri <---------Adoptivsohn/-vater------> Lehrer Can
Andri <---------Lehrling / Meister--------> Tischler
Lehrer ----------leiblicher Vater-----------> Barblin
Lehrer <---------"Geschäftspartner"------> Tischler
Wirt ----------Arbeitgeber------------------> Andri

Detaillierte Charakterisierung Cans:

  • lügt:
    - aus Angst, dass die Andorraner etwas über Cans Beziehung mit einer schwarzen Frau erfahren (S.77,80)
    - aus Bequemlichkeit (S.94)
  • aggressiv:
    - verbal gegenüber dem Wirt (S.15)
    - verbal, fast handgreiflich gegenüber dem Doktor, er merkt dass der Doktor lieber den Lehrstuhl hätte (S.41)
    - unspezifisch gegenüber "aller Welt", kommt daher dass er auch zu viel trinkt (S.10)
    - auch im häuslichen Bereich, gegenüber seiner eigenen Familie (S.46,47)
  • trinkt:
    - Ausdruck von Selbstmitleid, er heult (S.56)
    - Fluchtverhalten, möchte vor der Vergangenheit flüchten (S.48,50)
    - Verdrängungsmechansimus vor der eigenen Schuld, seinen Lügen, Frau betrogen mit einer Schwarzen (S.15,53)
  • hilflos:
    - rennt verzweifelt gegen ein Kollektiv an, Can gegen alle (S.113)
    - zerbricht an seiner Schuld, schlechtes Gewissen, kann bzw. möchte nicht mehr leben (S.126)
    - sieht die Folgen seines Handelns, hätte die Warheit sagen müssen, Andri denkt Can würde ihm die Liebe zu Barblin verbieten da er ein Jude ist (S.49)
  • kontroverses Verhalten, für Andri nicht nachvollziehbar:
    - ablehnend gegenüber Andri, wird jähzornig, regt sich über jede Kleinigkeit auf, verbietet ihm die Liebe zu Barblin (S.46)
    - fürsorglich gegenüber Andri, Lehrstellensuche (S.13), will für Andri ein guter Vater sein (S.43,54), will für Andri ein Freund und Vertrauter sein (S.43)
  • idealistisch:
    - will sich über die Andorraner erheben, findet sich den anderen überlegen, findet sich weniger schuldig als die anderen, Besserwisser (S.15)
    - Lehrer der die Schulbücher zerreißt, war mal ein Rebell, mutig und tapferer Mensch, der sich nichts vorschreiben ließ (S.38,55)

Der Jude als Sündenbock

Die Andorraner nehmen für sich positive Eigenschaften in Anspruch ("Schein-Ich"). In Wahrheit haben sie jedoch fast nur negative Charakterzüge ("Wahres Ich"). Diese negativen Eigenschaften übertragen sie dann als Vorurteile auf Andri (feige & ängstlich, eingebildet, neidisch, geldgierig).

Das "wahre Ich" der Andorraner wird durch ihre Meinung über den Juden widergegeben:

  • Soldat: der Jude ist feige, muss sich beliebt machen
    Der Soldat läuft beim Angriff der Schwarzen zur Gegenpartei über, unfäre Prügelei mit Andri

  • Tischler: der Jude hat den Tischlerberuf nicht im Blut, er ist geldgierig
    Der Tischler ist ein handwerklicher Ignorant, er verlangt von Can soger einen Wucherpreis

  • Wirt: der Jude ist geldgierig
    Der Wirt bietet Can genau die Geldsumme für ein Stück Land, die er für Andris Stelle benötigt

  • Doktor: der Jude ist ehrgeizig, er weiß alles besser, hockt auf allen Lehrstühlen
    Der Doktor wäre der Letzte, der auf einen Titel verzichten würde, er ist ein beruflicher Ignorant


Die Zeugenaussagen

Funktionen der Zeugenaussagen:
Die Zeugenaussagen gehören zur Gerichtsverhandlung. Es gibt sowohl eine räumliche, eine zeitliche, als auch eine persönliche Distanzierung. Die Zeugen treten in den Vordergrund der Bühne, sie verlassen die gespielte Zeit und sie sind anders gekleidet. Zudem haben die Aussagen eine vorausdeutende Funktion, da sie Hinweise auf den Ausgang des Geschehens enthalten. Der Zuschauer kann außerdem noch anhand der entlarvenden Funktion vergleichen.
Es handelt sich also um eine Stellungnahme von einer anderen Ebene aus. Die Zeugen wollen ihre Schuld verdrängen und belehren somit ihre Unbelehrbarkeit. Sie versuchen, ihr damaliges Verhalten Andri gegenüber zu erklären und zu rechtfertigen.

Verdrängung und Verleugnung der Andorraner:

  • Wirt: Er hat geglaubt, dass Andri ein Jude war. Er behauptet, er habe ihn nie schlecht behandelt und niemand hätte es wissen können. (S.24)
  • Tischler: Niemand hat wissen können, dass er keiner ist. (S.29)
  • Geselle: Er gibt Andri die Schuld, es lag an ihm, dass es so gekommen ist. Andri war sich zu gut für sie. (S.36)
  • Soldat: Er hat ja nicht ahnen können, dass er kein Jude war. Er hat nur seine Arbeit getan. (S.58)
  • Der Jemand: Er war nicht dabei. Einmal muss man auch vergessen können. (S.89)

Die meisten von ihnen geben ihre Schuld zum Teil zu, reden sich aber damit heraus, einem Irrtum aufgesessen zu sein. Sie verweisen auf ihr Nichtwissen.

Die Andorraner VS der Pater:

  • Andorraner treten an die Zeugenschranke - Pater kniet vor der Zeugenschranke
  • aufrechte Haltung als Symbol für Standhaftigkeit, kein Unrechtsbewusstsein, Unbelehrbarkeit - Haltung als symbol für Demut, Schuldbewusstsein, Bitte um Vergebung
  • suchen nach Entschuldigungen - Pater bekennt seine Schuld
  • geben nur zu, dass sie sich über Andris Herkunft getäuscht haben - beschönigt sein Verhalten nicht
  • äußern auch jetzt noch Vorurteile - gesteht sein Versagen als Seelsorger ein

Der Pater nimmt von anfang an eine Sonderstellung ein. Er gesteht seine persönliche Schuld gegenüber Andri, als auch Gott, ein. Zudem rechtfertigt er sich mit keinem Wort und spricht nicht wie die Andorraner von Kollektivschuld.


Beziehungskonflikt zwischen Andri und Barblin

Gründe für den Konflikt (Bild 11):

  • Andri vertraut Barblin nicht: glaubt dass sie ihn mit dem Soldaten betrogen hat, wirft ihr vor freiwillig mit ihm geschlafen zu haben (S.98)
  • Barblin äußert sich nicht zu den Vorwürfen, sie schweigt, Scham (?) (S.98)
  • sie fühlt sich in die Ecke gedrängt, zu Unrecht beschuldigt und von Andri gedemütigt/erniedrigt
  • Andir deutet Barblins Schweigen als Schuldbekenntnis

Allgemeine Gründe für die hoffnungslose Liebe:

  • Lüge Cans: wissen nicht, dass sie Halbgeschwister sind
  • Vergewaltigung durch Peider, unüberbrückbare Krise
  • Andri wird ebenfalls aggressiv gegenüber Barblin, als sie sich ihm verweigert (S.101)
  • Barblin liebt Andri, der jedoch unfähig ist, mit seinen Selbstzweifeln und Ängsten umzugehen (S.26)
  • sie reden aneinander vorbei, haben andere Erwartungen